Der Schweinehund- Sind wir Menschen von Natur aus zu faul für Sport?

Wir Menschen werden immer fetter und fauler (laut WHO). Aber warum ist das so? Sind Menschen von Natur aus zu faul für Sport? Gibt es diesen Schweinehund wirklich? Es muss nicht jeder Marathon laufen, aber ein bißchen Bewegung in den Alltag einzubauen, kann doch nicht so schwer sein. Ich werfe heute einen Blick auf das Phänomen der Faulheit. Mich interessiert , was die Forschung zur „Faulheit der Menschen“ sagt:

Kennst du folgendes Phänomen: Es ist Abend, du bist den ganzen Tag im Büro gesessen und eigentlich sagt dir dein Kopf: Hoch von der Couch und Sport machen. Dein Körper sagt aber: NEIN, ich will nicht. Ein Dilemma- wie soll man sich hier entscheiden können? Bist du ein Opfer deiner Triebe? Oder ist es reine Kopfsache?

Unsere Kinder verraten uns, wer wir wirklich sind.

Werfen wir einen Blick auf unsere Kinder: Hast du schon einmal beobachtet, dass Kinder nicht ruhig sitzen können? Sie haben einen natürlichen Bewegungsdrang, der sich kaum bändigen lässt- von Faulheit ist maximal bei lästigen Pflichten, wie Zimmer aufräumen, die Rede. Kinder sind bewegungsliebende Forscher, Kletterer und Läufer. Entwicklungstechnisch ist es wichtig für sie, so viele Erfahrungen wie möglich zu sammeln und bestmögliches Körpergeschick zu erwerben. Umso notwendiger ist es, sich bei Babys und Kleinkinder nicht in die Entwicklung einzumischen, damit sie lernen zu scheitern, zu fallen, Lösungen zu finden und wieder aufzustehen. Das sichert Kindern das Überleben, sich in unserer Welt zurecht zu finden. Irgendwann ist das Nervensystem so ausgereift, dass körperlicher Entwicklungsdrang dem geistigen weicht und wir uns leider immer weniger bewegen. Wir sind eine Kultur der Stubenhocker. Spätestens in der Schulzeit wird „Gehorsamkeit“ antrainiert, Bewegung mit Stillsitzen abtrainiert und Sport in den Turnstunden wieder künstlich aufgezwungen.

Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang. Keiner zwingt sie dazu, sie machen es gerne weil sie Freude und Spaß am Entdecken und Ausprobieren haben.

Ein Blick auf die menschliche Geschichte- der Begriff der Faulheit:

Das Wort Faulheit ist eigentlich ein eher negativ behafteter Begriff. Vermutlich kommt das daher: Faulheit, bzw. Trägheit ist im Christentum die 7. Todsünde. Die Kirche interpretierte Faulheit als Abneigung von Gott. In sehr gläubigen Zeiten war fleißiges Arbeiten ein Zeichen für ein gottgefälliges Leben.  In Zeiten der Aufklärung kritisierte Immanuel Kant die Bevölkerung mit mangelnder Denkleistung und körperlichem Handeln und sprach auch hier von Faulheit. Im 19. Jahrhundert schrieb Paul Lafargue das Buch „Das  Recht auf Faulheit“. Er rief dazu auf, von zu viel Arbeitseifer Abstand zu nehmen und kritisierte den kapitalistischen Grundgedanken der Arbeitssucht.

Sind wir alle Schweinehunde? Ist Faulheit genetisch?

Laut meiner Recherchen ist dies wohl nicht absolut geklärt. Ich habe einen (mageren) Bericht von 2006[1] gefunden, wo eine Studie darüber Aufschluss gibt, dass das „Stubenhocker“- Gen dafür verantwortlich sei.

Auf der anderen Seite hat 2015[2] Hirnforscher Gerald Hüther bestritten, dass es zwischen Faulheit und Genetik einen Zusammenhang gäbe.

Schade, wäre ja wohl zu einfach gewesen: „Meine Genetik ist daran schuld, dass ich mich nicht bewegen möchte.“ Wie auch beim „genetischen Übergewicht“ ist nicht alles nur auf die Gene abschiebbar, sondern jeder ist sein eigener Herr in Sachen Schicksal. Es gibt vielleicht eine genetische „Übergewichtstendenz“, jedoch kann man diese nur zu einem geringen Anteil verantwortlich machen.

Was ich aber sagen kann, ist auf jeden Fall bestätigt: Der Mensch ist von Natur aus faul, weil es ihm seine Triebe so anschaffen. Lies weiter:

Menschen sind auf das Zeit- und Energiesparen ausgerichtet: das sichert ihr Überleben.

Zahlreiche Prozesse in unserem Universum und unserem Körper deuten darauf hin, dass wir dazu tendieren Bewegungen und Stoffwechselvorgänge möglichst zeit- und energieffizient auszuführen.  Aus der Physik kennen wir das „Trägheitsgesetz„: Der Körper verharrt in seinem Zustand (der Ruhe oder Bewegung), solange er nicht von außen zu einem anderem Zustand gezwungen wird. Wenn also Atome und Moleküle zu Trägheit neigen, wieso sollte es der Mensch nicht auch sein, der- by the way- auch aus Atomen und Molekülen besteht?

Die Evolution hat uns gelehrt, dass das Überleben eines Urzeitmenschen durch eine Art „Effizienzdrang“ gesichert wurde. Im Gegensatz zu heute war Nahrung nicht im Überfluss vorhanden. Somit musste sich der Körper mit einer reduzierter Energiezufuhr, jedoch mit der zur Verfügungsstellung bestmöglicher Leistung (zb. Jagd, Erhaltung der Körperwärme bei Kälte) durchkämpfen. Er hat ein hochintelligentes System entwickelt, in dem wir zum Beispiel im Fall von Nahrungsausfälle überleben (Fastenzeit), ohne plötzlich tot umzufallen, nur weil wir 1 Tag kein Essen zu uns genommen haben.

In der Zeit der Nahrungsabstinenz greift der Körper auf andere Energieträger aus dem eigenen Speicher zurück (Fett, Muskeln). Durch Reduzierung der Muskulatur verbrennt er langfristig weniger Kalorien und kann so länger durchhalten.

Unser System ist auf die bestmögliche Effizienz ausgerichtet: so viel wie möglich schaffen, in kürzester Zeit mit dem geringsten Energieaufwand. Dafür sind wir gemacht.

Keine Vorurteile gegen den Schweinehund: Die Suche nach dem Weg des geringsten Widerstandes ist normal!

In einer kanadischen Studie[3] wurde bewiesen, dass der Körper immer den Weg des geringsten Widerstandes sucht. Der Effizienzdrang wurde anhand von Laufversuchen getestet. Probanden wurden durch ein Exoskelett daran gehindert eine ökonomisch normale Laufbewegung auszuführen. Ein Exoskelett ist ein Schienensystem, das die Bewegungsabläufe misst und beeinflussen kann.

Die Ergebnisse zeigten, dass sich der Körper trotz Schienen, die die Effizienz verhindern, den schnellsten Weg sucht, neue Bewegungen möglichst energiesparend durchzuführen. Wir kennen es vom Training: eine neue Übung, die wir noch nie gemacht haben, fühlt sich anfangs immer sehr komisch und kraftaufwendig an. Mit Anzahl der Wiederholungen verbessert sich auch unsere Technik, der Körper arbeitete ökonomischer. Es zeigte sich nun in diesem Experiment, dass die Probanden nach wenigen Minuten schon ein neues Bewegungsoptimum gefunden hatten, trotz „Behinderung“ der Laufökonomie. Die dabei entstandene Energieersparnis machte immer ca. 5% aus.

Damit wurde bewiesen, dass unser Nervensystem immer den Weg des geringsten Widerstandes sucht, um möglichst energieeffizient zu arbeiten.
Der Mensch ist nicht dazu gemacht nach viel Bewegung zu streben sondern nur das notwendigste zu schaffen, das sein Überleben sichert.

Der Widerspruch: Menschen sind Bewegungstiere vs. das Faulgen

Einerseits sind Menschen also bestrebt faul zu sein, andererseits ist unser Körper auf Bewegung ausgelegt und lässt sich auch nur so am gesündesten halten. Unsere Gelenke, das Herz- Kreislaufsystem und Muskeln zeigen alle das selbe Muster: Mit Sport bleiben sie langfristig fitter.

Im Grund stimmt es auch: Bewegung war in der Evolution für das Erwirtschaften von Nahrung und zum Schutz (Flucht oder Angriff) wichtig. Wenn man in einer Höhle wohnt, Holz für Feuer sammeln und sich das nächste Mammut selbst schlachten muss, gibt es allerhand körperliche Arbeit zu tun. Unser Körper ist an diese Arbeit angepasst. Heute brauchen wir nur zum Supermarkt marschieren und die Zentralheizung einschalten. Wir bewegen uns weniger, was unseren Trieben in die Karten spielt. Wir haben in allen Bereichen einen Optimierungsdrang in uns gespeichert: möglichst wenig Energie mit möglichst wenig Widerstand und kurzmöglichster Zeit zu erreichen.

Daher ist wohl eindeutig klar: Der Neandertaler, hätte er die Wahl gehabt, wäre bestimmt mit Chips auf der Couch vergammelt, anstatt 1 Stunde auf dem Crosstrainer zu stehen, oder? Dieses Verhalten hätte sich zwischen Hungerzeiten und kalten Wintermonaten, um Energie zu sparen, bestimmt als erfolgreicher erwiesen. Stellt sich nun die Frage: Sie faule Menschen intelligenter? Eine Studie sagt ja- faule Menschen können ANGEBLICH Probleme effizienter lösen und sparen gleichzeitig körperliche Energie. Ich persönlich bezweifle das aber manchmal, dass sich die Intelligenz in dominanter Faulheit wiederspiegelt…

LESETIPP: Gerade wegen unserer Trieben haben es Sportanfänger schwer. Ein verrosteter Körper ist auch schmerzhaft, wenn er wieder in Bewegung gebracht wird. Warum es daher gerade Sportanfänger schwer haben, könnt ihr HIER nachlesen.

Somit haben wir geklärt, wir Menschen sind von Natur aus träge- oder besser gesagt: energiesparend orientiert. Ob das nun ein Grund dafür ist keinen Sport mehr zu machen?

Realitätscheck: Ein Blick in die Zukunft der faulen Gesellschaft:

Wer weiß, vielleicht haben sich in 10.000 Jahren die menschlichen Gene an einen neuen BMI angepasst. Die Evolution hat uns aber gezeigt, dass unökonomische Tierarten einfach ausstarben. Es gab eine Menschenart, die angeblich wegen Faulheit ausgestorben ist und wer weiß, vielleicht wird sie nicht die letzte sein. Die Frage ist daher, findet die Evolution eine Weg Übergewicht zu „eliminieren“ oder damit umzugehen? Wäre natürlich spannend in die Zukunft zu blicken 🙂

Ich würde es nicht darauf ankommen lassen. Triebe hin oder her, wir müssen unsere Gesundheit selbst in die Hand nehmen, Sport machen, uns besser ernähren. Der Körper- mein Feind, deshalb nennen wir diesen Trieb der Faulheit auch gerne „Schweinehund“. Eigentlich unberechtigt, denn dieser Trieb war der einzige Grund, weshalb der Homo Sapiens überlebte. Wir sind alle Experten im Energiesparen.

Die Lösung- Trotz Triebe den Schweinehund überwinden:

Einer Studie hat erwiesen, dass man das „Fauli“-Verhalten durch unsere Umwelt überlisten kann. Bedeutet, ist meine Umwelt sportlich, bin ich es auch. Vielleicht liegt das an unserem „Herdenverhalten“, das wir dazu neigen das zu machen, was die Masse macht. Wer also Ziele hat, sollte sich ein sportliches Umfeld suchen.

Lesetipp: Sport im Alltag- 17 Strategien, wie du es langfristig schaffst:

Wie du dich langfristig zu mehr Sport motivieren kannst, erfährst du hier.

Mein Fazit: Du bist für dein Handeln selbst verantwortlich!

Es liegt an uns, aus dem krankhaft „faulen“ System auszubrechen- nicht die anderen sind an deinem  Scheitern schuld, sondern nur du selbst.

Jeder darf faul sein, das muss man uns Menschen auch zugestehen, dennoch: findet euren Weg, wie ihr Aktivität und Ruhe in Balance bekommt. Es gehört beides dazu: faul sein und Sport machen- Yin und Yang, Tag und Nacht- alles eine Frage der Balance :).


[1] https://rp-online.de/panorama/wissen/faulheit-liegt-in-den-genen_aid-11214587 23.5.2019

[2] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/interview-mit-hirnforscher-gerald-huether-erst-die-arbeit-macht-uns-zu-menschen-13963189.html 23.5.2019

[3] https://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(15)00958-6

[4] https://de.wordssidekick.com/laziness-is-contagious-scientists-find-21302 24.5.2019

[5] https://mobil.stern.de/neon/neue-studie-zeigt–faule-menschen-sind-intelligenter-7361540.html 25.5.2019

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