Sind wir Menschen von Natur aus zu faul für Sport?

Wir werden immer fetter und fauler (laut WHO). Das braucht uns aber nicht wundern!? Der Mensch ist von Natur aus ein „Faultier“.  Aber warum? Unser Verhalten lässt sich durch unsere Triebe und unser Nervensystem  immer sehr gut erklären.  Mich interessiert daher, was sagen Experten zur „chronischen Faulheit“?

Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang, der sich kaum bändigen lässt- von Faulheit ist maximal bei lästigen Pflichten, wie aufräumen, die Rede. Kinder sind bewegungsliebende Forscher, Kletterer oder Ballsportler. Entwicklungstechnisch ist es wichtig für sie, so viele Erfahrungen wie möglich zu sammeln und bestmögliches Körpergeschick zu gewinnen. Umso notwendiger ist es, sich bei Babys und Kleinkinder nicht in die Entwicklung einzumischen, damit sie lernen zu scheitern, zu fallen, Lösungen zu finden und wieder aufzustehen. Das sichert Kindern das Überleben, sich in unserer Welt zurecht zu finden. Irgendwann ist das Nervensystem so ausgereift, dass körperlicher Entwicklungsdrang dem geistigen weicht und wir uns leider immer weniger bewegen. In unserer Kultur  der Stubenhocker, passiert das dann womöglich noch früher.

Spätestens in der Schulzeit wird „Gehorsamkeit“ antrainiert, Bewegung mit Stillsitzen abtrainiert und Sport in den Turnstunden wieder künstlich aufgezwungen.

Faulheit in der Geschichte

Das Wort Faulheit ist ja eigentlich ein eher negativ behafteter Begriff, das kommt vermutlich daher: Faulheit, bzw. Trägheit ist im Christentum die 7. Todsünde. Die Kirche interpretierte Faulheit als Abneigung von Gott. In sehr gläubigen Zeiten war fleißiges Arbeiten ein Zeichen für ein gottgefälliges Leben.  In Zeiten der Aufklärung kritisierte Immanuel Kant die Bevölkerung mit mangelnder Denkleistung und körperlichem Handeln und sprach auch hier von Faulheit. Im 19. Jahrhundert schrieb Paul Lafargue das Buch „Das  Recht auf Faulheit“. Er rief dazu auf, von zu viel Arbeitseifer Abstand zu nehmen und kritisierte den kapitalistischen Grundgedanken der Arbeitssucht.

Ist Faulheit genetisch bedingt?

Laut meiner Recherchen ist dies wohl nicht absolut geklärt. Ich habe einen (mageren) Bericht von 2006[1] gefunden, wo eine Studie darüber Aufschluss gibt, dass das „Stubenhocker“- Gen dafür verantwortlich sei, dass im Körper weniger Orexin A produziert wird. Das Hormon hat einen starken Einfluss auf den Schlaf- Wachrhythmus. Diese Annahme rührte wohl aus einer Verbindung, zwischen Nakrolepsie (Schlafkrankheit) und den besagten Hormonrezeptoren.

Auf der anderen Seite hat 2015[2] Hirnforscher Gerald Hüther bestritten, dass es zwischen Faulheit und Genetik einen Zusammenhang gäbe. Gene geben keinen Aufschluss darüber, wie der Charakter eines Menschen aussieht. Bei auffälliger Trägheit handelt sich daher wohl um reine Nachahmung, also erworbenes Verhalten oder schlechtenfalls um Krankheitssymptome.

Schade, wäre ja wohl zu einfach gewesen: „Meine Genetik ist daran schuld, dass ich mich nicht bewegen möchte.“ Wie auch beim „genetischen Übergewicht“ ist nicht alles nur auf die Gene abschiebbar, sondern jeder ist sein eigener Herr in Sachen Schicksal. Es gibt vielleicht eine genetische „Übergewichtstendenz“, jedoch kann man diese nur zu 30% verantwortlich machen.

Was ich aber sagen kann, ist auf jeden Fall bestätigt: Der Mensch ist von Natur aus faul. Es sind allerdings nicht die Gene direkt Schuld, sondern:

Die Fakten:

Zahlreiche Prozesse in unserem Körper deuten darauf hin, dass wir dazu tendieren Bewegungen und Stoffwechselvorgänge möglichst zeit- und energieffizient auszuführen.  Aus der Physik kennen wir das „Trägheitsgesetz“: Der Körper verharrt in seinem Zustand (der Ruhe oder Bewegung), solange er nicht von außen zu einem anderem Zustand gezwungen wird. Wenn also Atome und Moleküle zu Trägheit neigen, wieso sollte es der Mensch nicht auch sein, der- by the way- auch aus Atomen und Molekülen besteht?

Die Evolution hat uns gelehrt, dass das Überleben eines Urzeitmenschen durch eine Art „Effizienzdrang“ gesichert wurde. Im Gegensatz zu heute war Nahrung nicht im Überfluss vorhanden. Somit musste sich der Körper mit einer reduzierter Energiezufuhr, jedoch mit der zur Verfügungsstellung bestmöglicher Leistung (zb. Jagd, Erhaltung der Körperwärme bei Kälte) durchkämpfen. Er hat ein hochintelligentes System entwickelt, in dem wir zum Beispiel im Fall von Nahrungsausfälle überleben (Fastenzeit), ohne plötzlich tot umzufallen, nur weil wir 1 Tag kein Essen zu uns genommen haben. In der Zeit der Nahrungsabstinenz greift der Körper auf andere Energieträger aus dem eigenen Speicher zurück (Fett, Muskeln). Durch Reduzierung der Muskulatur verbrennt er langfristig weniger Kalorien und kann so länger durchhalten. Effiziente Energiearbeit zeigt sich auch in unserem Geh- und Laufverhalten. Habt ihr schon einmal Personen gesehen, die hüpfend auf einem Bein einkaufen gehen? Nicht? Sofern es sich nicht um ein phantasievolles Kleinkindspiel handelt, wäre das doch äußerst energieintensiv alle Wege zu hüpfen, anstatt bequem und ökonimisch zu gehen? Um nicht unnötige Energie zu verschwenden sucht der Körper den energieeffizientesten Weg, um sich so energiesparend wie möglich fortzubewegen.

In einer kanadischen Studie[3] wurde bewiesen, dass der Körper immer den Weg des geringsten Widerstandes sucht. Der Effizienzdrang wurde anhand von Laufversuchen getestet. Probanden wurden durch ein Exoskelett daran gehindert eine ökonomisch normale Laufbewegung auszuführen. Ein Exoskelett ist ein Schienensystem, das die Bewegungsabläufe misst und beeinflussen kann.

Die Ergebnisse zeigten, dass sich der Körper den schnellsten Weg sucht, neue Bewegungen möglichst energiesparend durchzuführen. Wir kennen es vom Training: eine neue Übung fühlt sich anfangs immer sehr komisch und kraftaufwendig an. Mit Anzahl der Wiederholungen verbessert sich auch unsere Technik, der Körper arbeitete ökonomischer. Es zeigte sich nun in diesem Experiment, dass die Probanden nach wenigen Minuten schon ein neues Bewegungsoptimum gefunden hatten, trotz „Behinderung“ der Laufökonomie. Die dabei entstandene Energieersparnis machte immer ca. 5% aus. Damit wurde bewiesen, dass unser Nervensystem immer den Weg des geringsten Widerstandes sucht, um möglich energieeffizient zu arbeiten.

Der Mensch ist genetisch dazu veranlagt „faul“ zu sein, bzw. so wenig Energie wie möglich zu verschleudern.

Es ist daher nicht ungewöhnlich, dass sich Sport (gerade zu Beginn) auch unangenehm und „schmerzhaft“ anfühlt. Unser Körper benötigt Zeit sich an die bewegungsintensive Situation anzupassen, während unser Gehirn uns fragt, ob wir übergeschnapt sind. Warum es daher gerade Sportanfänger schwer haben, könnt ihr HIER nachlesen.

Das zeigt sich auch im Alltag: Wieso sollte ich die Mineralwasserflaschen einzeln aus dem Auto in die Wohnung tragen, wenn ich auch 6 gleichzeitig tragen kann? Weshalb soll ich zu Fuß gehen, wenn ich mit dem Auto deutlich weniger anstrengend unterwegs bin? Wir haben in allen Bereichen einen Optimierungsdrang in uns gespeichert: möglichst wenig Energie mit möglichst wenig Widerstand und bestmöglicher Geschwindigkeit zu erreichen. Daher ist wohl eindeutig klar: Der Neandertaler, hätte er die Wahl gehabt, wäre bestimmt mit Chips auf der Couch vergammelt, anstatt 1 Stunde auf dem Crosstrainer zu stehen, oder? Dieses Verhalten hätte sich zwischen Hungerzeiten und kalten Wintermonaten, um Energie zu sparen, bestimmt als erfolgreicher erwiesen. Stellt sich nun die Frage: Sie faule Menschen intelligenter? Eine Studie sagt ja- faule Menschen können ANGEBLICH Probleme effizienter lösen und sparen gleichzeitig körperliche Energie.

Somit haben wir geklärt, wir Menschen sind von Natur aus träge- oder besser gesagt: energiesparend orientiert. Ob das nun ein Grund dafür ist keinen Sport mehr zu machen? Nun ja, früher war Übergewicht ein Zeichen von Wohlstand, heute ist es ein Zeichen von Faulheit. Wer weiß, vielleicht haben sich in 10.000 Jahren die menschlichen Gene an einen neuen BMI angepasst. Die Evolution hat uns aber gezeigt, dass unökonomische Tierarten einfach ausstarben. Es gab eine Menschenart, die angeblich wegen Faulheit ausgestorben ist und wer weiß, vielleicht wird sie nicht die letzte sein. Die Frage ist daher, findet die Evolution eine Weg Übergewicht zu „eliminieren“ oder damit umzugehen? Wäre natürlich spannend in die Zukunft zu blicken 🙂

Ich würde es nicht darauf ankommen lassen, wir müssen unsere Gesundheit selbst in die Hand nehmen, Sport machen, uns mehr bewegen und energieärmer ernähren (weniger gesättigte Fette und Zucker), was auch untypisch für unsere Triebe ist- nicht umsonst schmecken energiereiche Lebensmittel so gut.  Der Körper- mein Feind, wir nennen diesen Trieb der Faulheit auch gerne „Schweinehund“. Eigentlich unberechtigt, denn dieser Trieb war der einzige Grund, weshalb der Homo Sapiens überlebte. Wir sind alle Experten im Energiesparen, daher fällt es mitunter oft sehr schwer sich aufzuraffen und die Sportschuhe zu schnüren. Es ist allerdings auch erwiesen, dass Sport einen Haufen positiver Hormone ausschüttet, die das Wohlbefinden deutlich steigern. Doch in diesen „Rausch“ gerät man erst, wenn man den ersten Schritt wagt und sich endlich bewegt.

Wie du dich langfristig zu mehr Sport motivieren kannst, erfährst du hier.

Wir wachsen in einer Welt auf, in der Leistung und Beifall ganz groß geschrieben werden. Heutzutage muss man nicht nur einen Vollzeitjob haben, sondern auch eine Familie gründen, ein tolles Auto fahren, auf Reisen gehen, ins Fitnessstudio, einen Marathon laufen, etc. Im Gegensatz zum Neandertaler haben wir weniger Räume, die uns Rückzug bieten durch die Masse an Menschen und wo wir achtsam mit uns selbst und unseren Mitmenschen umgehen. Das macht natürlich müde, weil die Reizüberflutung aus Medien und in unserer Umwelt auch erst ein Phänomen der Neuzeit ist. Das hat es vor tausenden Jahren auch in der Form nicht geben. Das Bedürfnis nach Ruhe ist daher gut nachzuvollziehen, daher sind wir oft müde und kompensieren die fehlende Gemütlich- und Ausgeglichenheit auch mit Essen, das uns krank macht. Ein Teufelskreis!

Einer andere Studie hat auch erwiesen, dass unser „Fauli“-Verhalten von anderen abhängig ist. Bedeutet, ist meine Umwelt sportlich, bin ich es auch. Wer also Ziele hat, sollte sich ein sportliches Umfeld suchen.

Es liegt an uns, aus dem krankhaft „faulen“ System auszubrechen- nicht die anderen sind an deinem  Scheitern schuld, sondern nur du selbst. Gönn dir Ruhe, dann aber bitte gezielt- ohne Reizüberflutung, dh. am besten in Form von Spaziergängen, einen guten Couchnap ohne TV.  Einfach mal Social Media ausschalten am Wochenende (keine Angst, ich poste da auch nicht sehr viel, ihr verpasst also nichts 😉 oder abends eine Runde spazieren gehen, anstatt sich den größten TV Schrott reinzuziehen. 

Jeder darf faul sein, das muss man uns Menschen auch zugestehen, dennoch: findet euren Weg, wie ihr Aktivität und Ruhe in Balance bekommt. Es gehört beides dazu: faul sein und Sport machen- Yin und Yang, Tag und Nacht- alles eine Frage der Balance :).


[1] https://rp-online.de/panorama/wissen/faulheit-liegt-in-den-genen_aid-11214587 23.5.2019

[2] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/interview-mit-hirnforscher-gerald-huether-erst-die-arbeit-macht-uns-zu-menschen-13963189.html 23.5.2019

[3] https://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(15)00958-6

[4] https://de.wordssidekick.com/laziness-is-contagious-scientists-find-21302 24.5.2019

[5] https://mobil.stern.de/neon/neue-studie-zeigt–faule-menschen-sind-intelligenter-7361540.html 25.5.2019

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